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Blickt man von der Geländestufe des sogenannten Sunset Point auf die Wüstenstadt
Jaisalmer, könnte man an eine Fata Morgana glauben. Fast wie eine Filmkulisse wirkt der mit gedrungenen Bastionen besetzte
Mauering, der sich unvermittelt in der flachen, baumlosen Wüste
erhebt. Kein Wunder, dass sich die Stadt trotz ihrer Abgelegenheit nahe der pakistanischen Grenze zum beliebten Reiseziel entwickelt hat, zumal sie außer exotischer Atmosphäre auch etliche architektonische Kostbarkeiten zu bieten hat.
Geschichte
Der Beginn der Stadt reicht in die Zeit zurück, als sich einige Rajputenstämme vor den islamischen Invasionswellen in die Wüste Thar zurückzuziehen
begannen. Sind Jodhpur und Bikaner eng mit dem Rathor clan
verbunden, so ist Jaisalmer Residenz der Rajputen vom Clan der
Bhatti, die vor Sultan Mahmud von Ghazni (971-1035) zunächst nach Lodurva geflohen
waren, um von dort ein kleines Reich zu regieren. Wie bei den anderen Rajputen
auch, verliert sich die Herkunft in Legenden grauer Vorzeit. So soll der Clan von den Yadav
abstammen, die vor Ankunft der Muslime Afghanistan und Teile des Punjab
beherrschten. Die Yadav haben bereits im 6. Jh. v. Chr. Zusammen mit den
Shakya, Kholya und Malla Teile Nordindiens regiert und werden von den einheimischen Ahnenforschern mit Buddha in Verbindung
gebracht, der in jener Zeit gelebt hat (ca. 560-480 v. Chr.). Buddha soll danach auch der Begründer des Chandravamsha gewesen
sein, des Mondclans, dem sich alle nicht zum Sonnenclan (Suryavamsha) oder den vier feuergeborenen Clans zählenden Stämme zugehörig
fühlen. Auch Krishna wird als Ahnherr ins Spiel gebracht, indem man ihm den Chandravamsha
zuordnet.
Im Jahre 1155 legte der Herrscher Jaisal nach der Zerstörung Lodurvas durch die Truppen des Muhammed von Ghur aus strategischen Erwägungen den Grundstein zur 17 km entfernten Festung von
Jaisalmer. Damit ist Jaisalmer die nach Chittaurgarh älteste Befestigungsanlage
Rajasthans. Der Name ist zusammengesetzt aus dem des ersten Herrschers
(Jaisel) und der Silbe mer, der lokalen Bezeichnung für felsig. Denn eine
felsige, bis zu 70 m hohe Erhebung in der Wüste ist Herzstück der
Befestigung. Auf ihr entstand der Palast, zu dessen Füssen sich allmählich die Stadt
entwickelte; umgeben von einer Doppelmauer, die ihre heutige, mit den 99 Bastionen ausgesprochen beeindruckende Gestalt allerdings erst unter Rawal Bhim Singh (1578-1623)
erhielt.
Die isolierte Lage inmitten der lebensfeindlichen Wüste bewahrte Jaisalmer keineswegs vor kriegerischen
Zeiten, die sich die Herrscher der Festung teilweise allerdings selbst zuzuschreiben
hatten. In Ermangelung regelmäßiger Einkünfte aus Handel und Landwirtschaft verlegten sie sich im 13.
Jh. auf den lukrativeren Karawanenurlaub. Leichtsinnigerweise vergriffen sie sich auch an den Gütern des mächtigen
Ala-ud-Din Khilji, des Sultans von Delhi, der unverzüglich eine Strafexpedition in Marsch
setzte. Nach langer Belagerung fiel die Stadt, und Rajputischer Tradition entsprechend wählten die Frauen den
Feuertod. Die Nachfolger des im Kampf gefallenen Jetsingh hatten offenbar aus dem Vorfall keine Lehren
gezogen. So entwendete Dudha 1326 die Pferde von Muhammed
Tughluq, dem Herscher von Delhi, und mußte dafür nicht nur mit seinem Leben
bezahlen, sondern auch dem seiner Frauen, die erneut den Freitod auf dem Scheiterhaufen
suchten. Jaisalmer blieb etliche Jahre in Händen des Sultans von Delhi, bis Mitte des 14.
Jh. Gharsi als Vasall Delhis die Macht übernahm.
Ruhigere Zeiten kehrten erst zwischen dem 16. und 18. Jh. ein, dem Goldenen Zeitalter Jaisalmer in dem
Handel, Kunst und Kultur sich zu entfalten begannen und der Ort von einem bescheidenen Räuberhauptquartier zu einer ansehnlichen Stadt
heranwuchs. Man profitierte jetzt von der Mogulherrschaft, die sichere Verhältnisse bis nach Afghanistan hinein garantierte und damit den Fernhandel
belebte. Jaisalmer wurde Umschlagplatz für Opium, Gewürze, Getreide und Butterfett (Ghee) und war nicht länger auf Raubzüge
angewiesen.
Zu Beginn des 19. Jh., als der Stern der Moguln erlosch, hielten die
Premierminister, meist Vertreter der reichen Handelshäuser, bei denen die Herrscher hoch verschuldet
waren, die Zügel der Macht in der Hand. Berüchtigt wurde Salim Singh, dessen Schreckensherrschaft Jaisalmer fast in den Ruinen
trieb. Bereits sein Vater war Diwan gewesen, wurde, jedoch von einem der Prinzen des Rawal Mool Sing II.
Umgebracht, als er sein Darlehen zurückforderte. Der damals noch junge Salim schürte seine
Rachegelüste, bis er selbst das Amt des Diwan antrat, die herrscherfamilie dezimierte und nunmehr ebenfalls zum Tyrann
wurde, der die Bevölkerung bis aufs Blut auspreßte und dadurch die Abwanderung der reichen Paliwalkaste aus Jaisalmer und 84 umliegenden Dörfern zu verantworten
hatte. Der gezielte Dolchstoß eines unterdrückten Rajputen setzte auch seinem Leben ein vorzeitiges
Ende.
Erst mit der vertraglichen Bindung an England im Jahre 1818 kehrten wieder geordnete Verhältnisse
ein. Da mehrere Herrscher ohne männliche Nachfolger blieben, wurden die
maharwal, wie sich die Herrscher in Jaisalmer bezeichneten, aus dem Umfeld der Verwandtschaft
erwählt.
Nach der Unabhängigkeit Indiens wurde Jaisalmer zum flächenmässig grössten Distrikt
Rajasthans. Geprägt ist die Region nach wie vor von der Landwirtschaft mit annähernd 600 teilweise noch sehr rückständigen
Dörfern, in denen z. B. Strikte Kastenordnung und streng traditionelles Leben noch an der Tagesordnung
sind.
Rundgang
Das Fort mit dem Palast (Raj Mahal) liegt auf der höchsten Erhebung in der Südwestecke der
Stadt. Im Gegensatz zu den anderen nordindischen Befestigungen wurde es mit Wohnhäusern dicht
bebaut. Über eine breite serpentinenförmig geführte Rampe gelangt man durch die drei im 16.
Jh. errichteten Tore Akhai Pol, Suraj Pol und Ganesh Pol zum Hawa
Pol, dem einzigen Zugang zum Fort. Es leitet unmittelbar in den Haupthof des
Palastes, der heute in das öffentliche Leben eingezogen ist. Die durch das Tor geteilte Anlage gibt sich recht bescheiden und ist kaum von den Häusern reicher Kaufleute zu
unterscheiden.
Es handelt sich um einen vierstöckigen, aus mehreren Bauten bestehenden
Komplex, dessen Fassadenverzierung auf der Hofseite äußerst sparsam
ist. Es fehlen die sonst üblichen Galerien, und auch vorspringende Balkone sind kaum
anzutreffen. Vor allem einige dekorative Imitationen von jalis, die nur
angedeutet, aber nicht durchbrochen sind, beleben die Fronten. Der Wohntrakt erstreckt sich links und rechts des
Zugangstors, der Frauenbereich südlich davon an der östlichen
Hofseite. Dem Frauenbereich angebaut ist der Jana Mahal (Alter
Palast), wegen der ausschließlichen Verwendung von säulengestützten Architraven und den schmalen auf Konsolen ruhenden Balkons zu den ältesten Bauabschnitten gezählt
wird.
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An der sich zur Stadt hin orientierenden nördlichen und östlichen Außenwelt ist hingegen eine größere Dekorationsfreude
erkennbar.Etliche Balkone mit bengalischen Dächern in unterschiedlicher Form beleben den oberen Teil der
Wände, darunter auch ein achteckiger in der Nähe des
Zugangstors, der als Trommelhaus diente. Hier zeigte sich der Herrscher dem Volk, und hier wurden bei seiner An – und Abreise die großen Trommeln
geschlagen.
Der Wohnpalast (Marddana) dürfte aufgrund seiner massiven, burgartigen Bauweise aus der Frühzeit
stammen. Allerdings waren auch in späteren Zeiten dicke, unverputzte Mauern als Schutz gegen die hier bis über 50 o celcius ansteigenden Sommertemperaturen durchaus
üblich. Und außerdem gab man sich, wie die Verwendung einfacher Architrave Statt Bögen auch an später entstandenen Toren erkennen
lässt, ausgesprochen konservativ, so dass eine genaue Datierung kaum möglich
ist. Eine öffentliche Audienzhalle fehlt dem Palast. Offizielle Treffen wurden im Innenhof
abgehalten, wobei der Herrscher von einem Thron auf einer schmalen Terrasse vor seinem Palast am Geschehen
teilnahm.
Bei der Innenausstattung orientierten sich die Herrscher Jaisalmers an den Palästen ihrer weiteren
Umgebung. So sind die Räume, deren Funktionen heute nicht mehr bekannt
sind, nach dem üblichen Muster mit Wandgemälden, Kacheln und Spiegeln ausgestattet (18.
Jh.).
Innerhalb des Forts haben auch etliche Tempel ihren Platz, darunter ein Komplex miteinander verbundener Jainheiligtümer , die bis ins 15.
Jh. zurückreichen. Zunächst betritt man den Chandraprapha-Tempel (1453), der wie eine kleine Kopie des berühmten Tempels von Ranakpur erscheint und dem 8. Furtbereiter geweiht
ist. Die Stützsäulen des Mandapa sind durch Toranabögen miteinander
verbunden, in der Deckenrosette findet man Ganeshfiguren. Am Ältesten ist der aus dem Jahre 1417
stammende, nach dem dort verehrten Furtbereiter auch Parshvanatha genannte
Tempel. Auf engem Raum verkörpert er die typischen Merkmale der damals in dieser Region vorherrschenden
Bauweise, einer Variante des Solankistils, wie wir ihm auch an den Jaintempeln von Chittaurgarh
finden. Beherrscht wird der Zugang durch einen reich ornamentierten Toranabogen – bevölkert von Musikantinnen und himmlischen Nymphen -, von dem aus man einige Stufen zum gleichfalls reich geschmückten Zugang zur Tempelplattform
emporsteigt. Dahinter schlissen sich die Mandapas an und schließlich das Allerheiligste mit dem Bildnis des 23.
Furtbereiters. In der Kuppel über der Haupthalle Tänzerinnen und
Musikantinnen. Auch die Säulen sind mit Figurenschmuck und Ornamenten
belebt. Fast 1000 Motive soll der Tempelkomplex zählen. Umgeben ist der Haupttempel von 52 in einer Galerie angeordneten Schreinen mit Bildnissen der
Jains.
Im angrenzenden Rishab Devji-Tempel, den ebenfalls ein üppig dekorierter Toranabogen
schmückt, verdient vor allem eine Gruppe unterschiedlich
großer, im Kreis sitzender Plastiken von Tirthankaras in Meditationshaltung
Beachtung. Das benachbarte, weniger aufwendig dekorierte Heiligtum des Shantinatha zeichnet sich vor allem durch seine komplexe Shikharakonstruktion mit diagonal zum Hauptturm angeordneten Nebentürmchen
aus. In Gewölben unterhalb des Tempels soll sich auch die Schatzkammer für die Aufbewahrung der heiligen Manuskripte befunden
haben.
Bedeutendste architektonische Sehenswürdigkeit Jaisalmers sind allerdings die über die Altstadt verstreuten
Havelis, die Handelshäuser einflußreicher und vermögender
Kaufleute. Im Gegensatz zu den Bauten in Shekhawati spielt die Wandmalerei keine
Rolle. Statt dessen kann man die Fronten eher als Skulpturen
auffassen, bei denen die Künstler mit dem hier anstehenden goldgelben Sandstein unter Einbeziehung von Licht und Schatten einzigartige Meisterwerke der Steinmetzkunst
schufen.
Wichtigste Stilelemente sind Balkone (Jarokha) mit bengalischen Dächern
(Bangaldar) und Steingittern (Jali). Jaisalmer ist vor allem für die zahlreichen Varianten der Jalis
berühmt. Die durchbrochenen Steingitter werden wegen ihrer Purdah-Funktion – dem Schutz der Frau vor fremden Blicken – oftmals als typisch islamisches Element
gesehen. Sie entstammen aber der hinduistischen Bautradition und sind bereits an den Tempeln des 5.
Jh., etwa in Aihole (Bundesstaat Karnataka), nachweisbar. Frühe Jalis aus vorislamischer Zeit findet man auch am Mahaviharatempel in
Osian.
Im Gegensatz zu den havelis des Shekhavati, deren Fronten von hohen Einfahrtstoren durchbrochen
sind, die ersten Innenhof fuhren, liegt den Handelshäusern in Jaisalmer das im indischen Altstädten übliche System der Fassadengliederung
zugrunde. Von der Straße führen ein paar Stufen zu einem etwas erhöht
liegenden, teilweise überdachten Podest, das den Übergang zwischen öffentlicher und privater Sphäre
bildet. Dadurch soll auch vermieden werden, dass Staub und Strassenschmutz in die Häuser
gelangen. Die zur Straße liegende Front des Erdgeschosses ist besonders reich
dekoriert. Dahinter befinden sich die Lagerräume, gefolgt von einem offenen
Innenhof, von den aus man über eine Wendeltreppe in die oberen Stockwerke mit den Wohnräumen
gelangt. Zur Strassenfront hin sind sie mit Erkern und Balkonen
verziert, die hier dicht an dicht gefügt sind und in denen man, auf Kissen
gebettet, die Kühle Abendbrise genießt. Um auch den kleinsten Windhauch
einzufangen, sind die Aufenthaltsräume zum Hof hin offen. Zur Innenausstattung gehören
Nischen, Borde über Türen und Fenstern zur Präsentation von dekorativen Gegenständen sowie kleine Vertiefungen in den Wänden zur Aufnahme von
Öllampen. Die Innenhöfe, oftmals mehrere hintereinander, sind sehr
schmal, um Hitze und Staub möglichst wenig Angriffsfläche zu
bieten. Entwurf und Bauaufsicht lagen in Händen der Architekten, einer in Jaisalmer hoch angesehenen
Gilde; für die Ausführung der Fassaden waren Steinmetze
verantwortlich. Zunächst wurden die Motive auf die fertig zugeschnittenen Sandsteinplatten mit Kreide aufgezeichnet und dann
herausgearbeitet. Erst anschliessend fügte man die Platten nahtlos mit steinerne Dübeln ohne Mörtel am Bau
zusammen.
Zu den prachtvollsten Exemplaren zählt der Patwon ki-Haveli , der zu einem Komplex von fünf nebeneinanderstehenden Häusern im nördlichen Stadtbereich
gehört, die von der einflußreichen Familie Bafna zwischen 1800 und 1860 errichtet wurden und sich heute im Besitz der Regierung
befinden. Die aus fünf Brüdern bestehende Jainfamilie betrieb regen Fernhandel mit Afghanistan, China, Madras und Calcutta. Überdies dienten die
Handelsherren, ähnlich wie die Fugger, den sich immer in Geldnot befindlichen Maharajas als
Bankiers. Die Gebäudefront ist über und über mit Balkonen unterschiedlichster Gestalt
bedeckt. Abgeschlossen wird der fünfstöckige Bau von einer Dachterrasse mit
hoher, von Jaligittern durchbrochenen Balustrade.
Der nicht weit entfernt liegende Nathmal ki-Haveli ist eines der letzten aufwendig gebauten
Handelshäuser. Es diente als Residenz von Metha Nathmal, der Mitte des 19.
Jh. den Posten des Premierministers (Diwan) bekleidete. Der Bau wurde von zwei
Architektenbrüdern, Hathi und Laloo, entworfen, die sich die Arbeit aufteilten und
versprachen, einander nicht zu kopieren. Den Eingang flankieren zwei Elefanten als Zeichen
dafür, dass hier der Diwan residierte.
Der unterhalb des Fort gelegene Salim Singh-Haveli , auch Moti Mahal
genannt, hat eine weit auskragende Galerie zarter, von bengalischen Dächern abgeschlossenen
Säulen. Verziert wurden sie mit Rankenwerk, Pfauen-und
Blumenmotiven.
Ähnlich ungewöhnlich ist der nach dem westlichen Stadttor (Amar Sagar
Pol) liegende Taziaturm , der zum neuen Palast gehört und mit seinen sich nach oben verjüngenden Stockwerken den Eindruck einer fernöstlichen Pagode
hinterlässt, obwohl er aus den traditionellen Elementen der Rajputenarchitektur
besteht. Er ist den aus Holz, Bambus und Papier gefertigten Totenschreinen
nachempfunden, die während des Muharramfestes anläßlich der muslimischen Tazia Aufführung
(Darstellung der Leidensgeschichte des schiitischen Maertyrers
Hussain) verwendet werden. Der Turm wurde denn auch im 19. Jh. von muslimischen Steinmetzen dem Herrscher zum Geschenk
gemacht.
Südlich der Stadt wurde im 14. Jh. der Stausee Garisar angelegt, der noch bis vor kurzen der Wasserversorgung Jaisalmer
diente. Um das hübsche Teliator nahe der Ufers rankt sich eine nette Geschichte: Der zweistöckige mit Chattris verziertes Bau wurde zu Beginn unseres Jahrhunderts von der Kurtisane Telia
gestiftet, die in Jaisalmer wegen ihrer Schönheit und ihres Charmes zu beachtlichem Vermögen gekommen war. Einige Würdenträger fühlten sich durch das Bauvorhaben allerdings beleidigt und baten den Maharaja, es entfernen zu
lassen, zumal es den Hauptzugang zum See bildete. Telia liess jedoch auf des Dach einen Vishnutempel
errichten, wodurch sich niemand fand, das nunmehr zum Heiligtum mutierte Tor
abzureisen. Die Mitglieder der Herrscherfamilie wählten für ihr rituelles Bad fortan allerdings einen anderen Weg zum See. An der Zufahrtsstraße liegt ein kleines
Folkloremuseum, das anhand von Fotografien und Exponaten interessanten Einblick in die regionale Volkskunst
vermittelt.
Die Umgebung von Jaisalmer
Wegen der Nähe zur pakistanischen Grenze ist die Bewegungsfreiheit
eingeschränkt, wovon allerdings die kulturhistorisch interessanten Orte nicht betroffen
sind. 6 km nördlich liegt inmitten der Wüste an der Straße nach Ramgarh Bada
Bagh, die Verbrennung – und Begräbnisstätte der Herrscher von
Jaisalmer, die 1554 eingerichtet wurde. Einige der Kenotaphe sind noch recht gut
erhalten: Beachtenswert sind die teilweise sehr schön in naivem Stil rajputischer Volkskunst ausgeführten Reliefs auf den
Gedenksteinen.
Etwa 16 km nordwestlich triff man auf die Überreste der alten, am ehemals wasserspendenden Fluss Kaka gelegene Stadt
Lodurva, die im 10. Jh. von dem Bhattifürsten Rawal Deoraji erobert und zur Residenz eines kleinen Reichs gemacht worden sein
soll. Im 12. Jh. wurde sie von Muhammed von Ghur zerstört und dann nicht wieder
aufgebaut.
Einen Besuch wert sind die ursprünglich aus dem 11. Jh.
stammenden, allerdings grundlegend erneuerten Jaintempel. Das dem 23. Furtbereiter geweihte Hauptheiligtum fällt durch seinen
eigenartigen, aus Holz gefertigten baumartigen Turmaufatz aus dem
Rahmen. Er verkörpert einen der 10 Wunschbäume der Jains, die im paradiesischen Zeitalter die Wünsche der Menschen
erfüllten. So gab der Mattangabaum Gesundheit und Heiterkeit, der Bhritanga –
Schönheit, der Citrarsa – herrliche Speisen und der Gehakara – Behausung für die
Menschen.
In der Nähe liegen die Ruinen des sogenannten Palastes der Prinzessin Moomal
(Moomal ki Meri). Die architektonischen Reste sind einen Besuch kaum
wert, die Geschichte aber geht zu Herzen, eine soap opera auf
rajputisch: Prinz Mahendra liebte die schöne Moomal, die ihn heimlich in der Nacht in ihrem Palast
empfing. Bereits vor Morgengrauen war er wieder mit seinem Kamel Cheetal unterweg nach
Hause. Einmal besuchte Soomal, die Schwester Moomals, den Palast als fahrender Sänger
verkleidet, um etwas vom Liebesabenteuer in Erfahrung zu bringen. Als auch der Prinz auf der Szene
erschien, hielt er Soomal für einen Liebhaber der Prinzessin und zog sich beleidigt
zurück. Auch die verzweifelten Briefe Moomals konnten ihn nicht
umstimmen. Da machte sie sich als Armreifverkäufer verkleidet auf den Weg und traf tatsächlich auf
Mahendra. Als er das Muttermal auf ihrer Hand sah und sie ihre Identität
preisgab, sanken sich beide in die Arme – aber es gab kein Happy End – beide starben im selben Moment.
Seither, so heißt es, ist auch der Fluss Kaka ausgetrocknet.
Den nahegelegenen künstlichen Stausee Amar Sagar, der meist ohne Wasser
ist, säumen weitere Jaintempel, die derzeit restauriert werden.
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